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Traz, Robert de

«Man hält mich für hochmütig, aber ich bin nur schüchtern», erklärt Clarisse Damien ihrem heimlichen Lover, Laurent, Volontär in der Bank ihres Mannes. «Nein, mach deinen Stolz nicht kleiner, als er ist», antwortet dieser. «Du bist eine Frau von strengen Sitten, leugne es nicht, sonst verrätst du meine Liebe. Ich halte eine Person in meinen Armen, die von aller Welt als Muster der Tugend geehrt und geachtet wird. Für einen Jungen meines Alters ist das ein schöner Erfolg. Ihr Moralprediger und Frömmler, schaut her, das ist euer Werk!» Eine Genfer Bankiersgattin, die den Mann mit einem jungen Liebhaber betrügt – das durfte es 1917 schlicht nicht geben, und der Roman «La Puritaine et l’amour» (wörtlich: «Die Puritanerin und die Liebe») wurde denn auch, kaum war er erschienen, von der Kanzel der Genfer Kathedrale herab verdammt. Die Presse wetteiferte in Verrissen, und selbst im «Bund» sprach Otto von Greyerz noch von einer «beleidigenden Unverschämtheit». Die Wut war nicht zuletzt aus Enttäuschung derart gross, galt der Verfasser, der am 14. Mai 1884 in Paris geborene Robert de Traz, doch als tragende Säule der Gesellschaft. Ab 1906 hatte der gelernte Bankier, durch die Heirat mit der Millionärstochter Valentine Pictet finanziell unabhängig geworden, die Zeitschriften «Voile latine» und «Les Feuillets» auf jenen patriotisch-schweizerischen Kurs getrimmt, den die von ihm mitbegründete «Neue Helvetische Gesellschaft» (NHG) ab 1914 vertreten sollte. 1913 aber hatte er das Buch publiziert, das die Romands mit der alemannisch dominierten Armee versöhnte: «L’Homme dans le Rang»/«Im Dienst der Waffen», ein Loblied auf die Brüderlichkeit unter Gleichaltrigen in der Ordnung des militärischen Reglements. Im Krieg nutzte die Armee den Autor für die innere Propaganda, 1918 aber öffnete sich sein Helvetismus ins Weite: da&xnbsp;übernahm der selbst im Ausland Geborene das Auslandschweizersekretariat der NHG. Aber damit nicht genug: 1919 engagierte er sich voll für den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund, und kaum war das Ziel erreicht, inszenierte er als Chef der legendären «Revue de Genève» unter Zuzug von Autoren aus aller Welt zehn Jahre lang zumindest auf dem Papier die internationale Gemeinsamkeit, nach der die Politik vergeblich strebte. Als Autor hat Robert de Traz, der am 9.Januar 1951 in Nizza starb, neben Jugendwerken wie «Vivre» /«Leben» (1910) und «Les Désirs du cœur»/ «Herzenswünsche» (1912), in denen die Entdeckung des Ferienlands Schweiz bzw. ein Rom-Aufenthalt gespiegelt ist, Biographien der Schwestern Brontë, von Pierre Loti und Gustave Ador sowie einst vielgelesene Liebesromane wie «Fiançailles»/«Brautzeit» (1921) oder «Le Pouvoir des Fables» /«Die Macht der Geschichten» (1935) hinterlassen. Eindrücklich, da auf eigenen Erfahrungen basierend, ist sein letzter Roman, «La Blessure secrète» /«Die geheime Wunde» (1944), der die Rivalität zwischen Brüdern thematisiert, und nach wie vor berührend ist das Zeugnis, das er 1934 unter dem Titel «Les Heures silences»/«Stille Stunden» von der Welt der Tuberkulosekranken ablegte. Am überzeugendsten aber ist und bleibt «La Puritaine et l’amour», jener Roman, mit dem er die heuchlerische Moral der Genfer Geldaristokratie denunzierte und von dem François Mauriac 1928 sagte: «Innerhalb der Nachkriegsliteratur gehört er zu den ganz seltenen Büchern, von denen wir überzeugt sind, dass sie bleiben werden.»

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