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Wilker, Gertrud

»Obgleich ich persönliche Hoffnungen aufgab, hoffe ich für meine Wörter. Dass sie strahlensicher seien und das, was vor der Betontüre zerstört wird, überdauern.« Die Frau, die sich solches notiert, gehört zu den 300 Menschen, die in einem Berner Bunker als einzige für wenige Wochen einen Atomkrieg überlebt haben. In einer Flaschenpost will sie der Nachwelt überliefern, was sie »durch Wörter wieder zu beleben« vermag. Sie schreibt bis zum bitteren Ende weiter, obschon sie sich einen Moment lang mit dem Gedanken trägt, ein leeres Blatt in die Flasche zu stecken: »Damit sie sich für uns nicht noch schämen müssten!«
So spektakulär die Erzählsituation anmutet - für Gertrud Wilker, die sie sich unter dem Titel Flaschenpost im Prosaband Winterdorf 1977 ausgedacht hat, war es quasi der schriftstellerische Alltag! Von allem Anfang an hatte nämlich der Sinn ihres Schreibens darin bestanden, »Wörter mit Leben vollaufen zu lassen« und damit dem Tod zu trotzen. 1970 schon, in der Titelgeschichte des Bandes Einen Vater aus Wörtern machen, bat sie den Leser, nachdem sie ein virtuoses Porträt ihres Vaters skizziert hatte, er möge ihm »die Chance gönnen, seinen Tod wenigstens auf diesem Papier zu überleben«. Zehn Jahre später, selbst bereits vom Tod gezeichnet, schrieb sie einzig darum einen 300seitigen Roman, um einer vom Leben benachteiligten Verstorbenen ein Nachleben - so der Titel des Buches - zu ermöglichen.
Als Gertrud Wilker 1984 mit 6o Jahren starb, lagen elf Bücher von ihr vor: vier Romane, fünf Bände mit kürzerer Prosa, zwei mit Gedichten. Nichts Bestsellerträchtiges, aber ein Werk insgesamt, dessen Ernsthaftigkeit und künstlerische Qualität ihr ein Nachleben als eine der bedeutendsten Schweizer Autorinnen unseres Jahrhunderts sichern müssten.
Gertrud Wilker hat ja keineswegs bloss Totenklagen verfasst, ganz im Gegenteil! Gerade ihr überstarkes Todesbewusstsein machte sie zu einer kompromisslosen Zeitkritikerin und zwang sie immer wieder, hinter den Fassaden von Konvention und Zivilisation nach einem wirklich lobenswerten Leben zu suchen. So stellte sie in den Romanen Wolfsschatten (1966) und Altläger (1971) schon mitten in der Hochkonjunktur den technischen Fortschrittsglauben und den Mythos vom uferlosen Wachstum radikal in Frage. In Collages USA zeigte sie 1968 mit ernüchternden Bildern auf, dass auch der vielbewunderte American way of life nicht zur Glückseligkeit führen könne. Und 1979, in Blick auf meinesgleichen, brachte sie 28mal ein ungelebtes Frauenleben aufs Tapet - Anklage und Forderung auf Abhilfe in einem. Literarische Höhepunkte ihres Schaffens sind fraglos die Bände Winterdorf und Einen Vater aus Wörtern machen. Am beglückendsten aber dürfte auch für die Nachgeborenen noch immer die Lektüre des schmalen Romans Jota von 1973 bleiben, wo Gertrud Wilker in der Figur des ungebärdigen Mädchens J. A. ihre Utopie vom lobenswerten Leben in wundervoll poetischer Weise Gestalt werden liess.

Gertrud Wilkers Werke sind zum Teil noch bei Huber, Frauenfeld, greifbar. Dort erscheint 1990, herausgegeben von Beatrice Eichmann-Leutenegger und Charles Linsmayer, als Band 6 von »Reprinted by Huber« auch ein Gertrud-Wilker-Lesebuch.

(Literturszene Schweiz)

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