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FilippiniFelice

Filippini, Felice

Bereits während der Herrschaft des Faschismus machte sich, gleichsam als Reaktion gegen dessen imperiale, grosssprecherische Gebärde und den verlogenen Blut-und-Boden-Kult, in der italienischen Literatur eine pessimistische, aber sozial engagierte Spielart des Neorealismus geltend. Autoren wie Elio Vittorini oder Cesare Pavese gestalteten zwar nach wie vor bäuerliche Verhältnisse, aber sie verabscheuten jegliches Pathos und alle Schönfärberei und schulten ihre Sprache an der Modernität eines Joyce oder Hemingway.
1943, im Jahre von Mussolinis Sturz, gelang es auch einem jungen Tessiner, dem damals sechsundzwanzigjährigen Felice Filippini, aus dem Schatten des allgegenwärtigen, im faschistischen Italien hochgeschätzten Francesco Chiesa herauszutreten und mit einem bemerkenswerten Erstlingsroman Anschluss an die neue Tendenz zu finden. Er hiess Signore dei poveri morti (Herr Cott der armen Seelen) und stellte unter freier Verarbeitung von Selbsterlebtem das Erwachen eines sensiblen Tessiner Arbeitersohnes zu sich selbst und seiner künstlerischen Berufung dar.
Marcellino, so heisst der Junge, fühlt sich mitschuldig am Unfalltod seines Bruders Dante und leidet entsetzlich unter der dumpfen, ungeläuterten Trauer seiner Eltern. Da nimmt ihn der feinfühlige, nach bürgerlichem Massstab gescheiterte Bildhauer Ombra, der Dantes Grabstein hauen soll, für ein paar Tage zu sich. Dort, in altklugen Gesprächen mit dem Künstler und dessen obskurem Freundeskreis, bei der Begegnung mit Ombras sinnlicher Frau Aurora und im Trubel eines ländlichen Festes, das in eine Hass-Orgie gegen den Künstler und seine Freunde umschlägt, lernt Marcellino das Leiden der Welt zu verstehen und seine eigene Verschuldung als Teil eines grösseren Ganzen zu begreifen.
Hass und Leidenschaft, Lust und Schmerz, Sehnsucht und Resignation liegen dicht beieinander in der Welt dieses Buches, das mit seinem traumhaft-visionären Stil zuweilen an den deutschen Expressionismus erinnert und stärker als Chiesas ästhetisierende Heimatdichtung auch die Abgründe ausleuchtet, die unter dem Klischee von der »Tessiner Sonnenstube« verborgen sind.
Der starke Eindruck, den das Buch sogar noch in Adolf Saagers deutscher Übertragung (Büchergilde, Zürich 1945) hinterlässt, wird nicht zuletzt auch von den Federzeichnungen mitbestimmt, die Filippini ihm beigegeben hat. Weit davon entfernt, den Text bloss zu illustrieren, liefern diese dunklen Bilder einen ebenbürtigen Beitrag an ein künstlerisch-literarisches Gesamtkunstwerk von seltener Homogenität und Eindringlichkeit.
Felice Filippini, der am 10. September 1988 in Muzzano mit 71 Jahren einem Krebsleiden erlag, hat neben seiner vielfach prämierten Arbeit als bildender Künstler seit 1943 auch ein reichhaltiges, alle Formen umfassendes literarisches Œuvre geschaffen, das, wie etwa das 700seitige Roman-Epos Ragno di sera (wörtlich: Abendspinne) von 1950, für die Leser der deutschen Schweiz noch immer zu entdecken bleibt.

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